Brommy Studios

Diplomarbeit: Jonas Brandt, Dino Grobe
Technische Universität Berlin

“Musik gehört allen. Nur die Plattenfirmen denken, dass man sie besitzen kann.”
- John Lennon

1. Die Stadt

1.1 Weltmetropole

Berlin hat sich nach dem Fall der Mauer und vor allem während der letzten zehn Jahre zu einem innerdeutschen und internationalen Zentrum für Film, Musik und Kunst entwickelt. Die Stadt gehört zu den attraktivsten Metropolen der Welt und zu den „top cities to live and work“ (2011) in Europa, zusammen mit Paris und Amsterdam. Hinsichtlich der Besucherzahlen ist Berlin eine der zehn besten Destinationen (2012). Berlin ist eine geschichtsträchtige Stadt. Berlin ist das Scharnier zwischen Ost und West. Das Berliner Nachtleben ist weltweit bekannt und berühmt - die Liste ließe sich fortsetzen.

Was unterscheidet Berlin von anderen Metropolen? Berlin ist „arm, aber sexy“ : im Vergleich zu vielen europäischen Hauptstädten und anderen deutschen Großstädten sind die Lebenshaltungskosten in Berlin niedriger und der gesellschaftliche Druck wirkt nicht so stark. Dies führt zu mehr demonstrativer Individualität: Mit seiner ausgeprägten Kreativ-Szene und seinem vielfältigen Kulturangebot übt Berlin eine enorme Anziehungskraft auf Jung und Alt aus.

2. Der Ort

2.1 Vergangenheit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Berliner Stadtbezirke Friedrichshain und Kreuzberg durch eine Brücke über die Spree miteinander verbunden. Durch kaiserlichen Erlass erhielt diese 1906 ihren Namen zu Ehren von Admiral Karl Rudolf Brommy. Die Brommybrücke wurde von dem Architekten Alfred Messel als „für den Straßenverkehr geeignete Brücke“ entworfen und 1909 fertig gestellt. Im 19. Jahrhundert war dort eine Bahnlinie für den Gütertransport sowie eine Fußgängerpassage verlaufen, eine direkte Straßenbrücke hatte es nicht gegeben. Die Straße, die nun über die Brücke führte, bekam den Namen Brommystraße.

Um der anrückenden Roten Armee den Vormarsch zu erschweren, wurde die Brücke im Zweiten Weltkrieg gesprengt. Einige Pfeilerreste blieben im Wasser zurück, nachdem in den 1950er Jahren die Bauteile abgeräumt waren. Die Fabriken und Wohngebäude an der Brommystraße wurden abgerissen. Mit dem Bau der Mauer verschwanden sämtliche Hinweise auf die Brücke, die Brommystraße war allerdings bis 1974 noch in amtlichen Unterlagen enthalten.

Dort, wo die Brommybrücke gestanden hatte, verlief nun die Trennungslinie zwischen dem sowjetischen und dem amerikanischen Sektor von Berlin, zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Ost- und Westeuropa: hier teilte sich die Welt in zwei Blöcke. Fluchtwillige versuchten immer wieder, den Ostsektor über die Reste der Brückenpfeiler Richtung Kreuzberg zu verlassen und bezahlten dafür mit dem Leben. Die Brommybrücke wurde bis heute nicht wieder aufgebaut, obwohl es dafür Pläne gab.

2.2 Gegenwart

Berlin ist inzwischen auch zu einem Anziehungspunkt für die Musikwirtschaft geworden. 2002 wurde der Deutschland-Sitz von Universal Music GmbH von Hamburg an die Spree verlegt . 2004 folgte die zuvor in London angesiedelte Europa-Zentrale des Musiksenders MTV. In Friedrichshain steht heute die modernste Multifunktionsarena Europas, die O2 World. In Kreuzberg, auf der gegenüber liegenden Spreeseite, gibt es zahlreiche semiprofessionelle Home-Studios. Friedrichshain und Kreuzberg sind multikulti: junge, bunte, laute, szenige Stadtteile, in denen die Nachtclubs das Spreeufer erobern und Menschenströme unterwegs sind. Auf Grund der Teilung Berlins existieren, wie bereits erwähnt, hier immer noch innerstädtische Entwicklungsräume, die oftmals bis zur endgültigen Nutzung durch günstige Übergangslösungen besetzt werden. In den früher durch die Brommybrücke verbundenen Stadtbezirken spielt nun, im wahrsten Sinne des Wortes, die Musik.

3. Das Projekt

3.1 Umfeld

An dem historischen Ort, wo einst die Brommybrücke stand, in unmittelbarer Nähe zu der ehemaligen Heeresbäckerei, die das Nachbargrundstück einnimmt, umgeben einerseits von den Highlights der Musikindustrie und andererseits von der spontanen Musikszene, gegenüber der East Side Gallery, wo die Überreste der Berliner Mauer stehen, soll unser Projekt verwirklicht werden: ein professionelles Tonstudio und eine Förderplattform für Nachwuchstalente. Eine Fußgängerbrücke über die Spree soll beide Uferseiten verbinden.

Doch nicht nur die alte Ost-West-Achse zwischen Kreuzberg und Friedrichshain soll neu entstehen, sondern wir wollen auch das soziokulturelle Umfeld und die neuen Trends im Bereich der Musik berücksichtigen. Einige Beispiele:

● Im Mauerpark gibt es ein steinernes Amphitheater, in dem jeden Sonntag privat organisierte Karaoke-Treffen stattfinden. Eine Steintreppe und eine runde Bühne reichen aus, um ein Riesenspektakel zu ermöglichen, an dem hunderte von Menschen teilnehmen. Die Zuschauer nehmen die Darbietungen dankend an, denn sie vermitteln ihnen ein Gefühl von Einzigartigkeit: die Künstler wirken „echt“ und nicht wie das Produkt einer Casting-Show.

● Die Modersohnbrücke über die S-Bahn-Gleise in Friedrichshain wird regelmäßig von Gruppen junger Menschen aufgesucht, die dem Sonnenuntergang beiwohnen wollen.

Diese Art, die in Berlin bereitgestellte Infrastruktur zu nutzen und gegebenenfalls zu entfremden, ist eben „typisch Berlin“. Wir möchten dafür eine neue professionelle Plattform schaffen.

3.2 Ziel

Unser Projekt versteht sich als Verbindungsstück zwischen den beiden Bezirken: Die Brommy-Studios sollen die historische Lücke an diesem Ort schließen und den Abstand zwischen dem professionellen Musiksegment – der High-End-Musikindustrie – und dem halbprofessionellen Segment – dem hohen Potential an talentierten, wenn auch meist semiprofessionellen Musikern, die auf den Straßen, in Bars und Cafés spielen – verringern. Das Tonstudio soll die bestehende Nachfrage von Künstlern nach professionellen Aufnahmemöglichkeiten in Berlin decken, aber auch Newcomern eine Chance bieten: der Übergang vom Hobbymusiker (Schülerband) zum Profimusiker (Raum-in-Raum-Aufnahme), an dem die meisten scheitern, soll durch unser Projekt erleichtert werden.
4. Das Gebäude

4.1 Wirtschaftlichkeit

Das Gebäude bietet Raum für jede erdenkliche Tonaufnahme, vom Solokünstler bis zum Orchester mit Chor. Bei der Analyse weltweit existierender Tonstudios ist uns aufgefallen, dass nur wenig große Tonstudios existieren, die wirtschaftlich arbeiten. Meistens verdanken sie ihren legendären Charakter der Tatsache, dass berühmte Stars dort aufgenommen haben, d. h. nur wenige der funktionierenden Großstudios sind als Tonstudios konzipiert und gebaut worden. Das bekannteste Beispiel sind die Abbey Road Studios, die ihre Auslastung mehr den Beatles zu verdanken haben, als ihrer Beschaffenheit. Eine weitere Besonderheit, die stets berücksichtigt werden muss, ist der enorme Raum- bzw. Flächenbedarf auf Grund der akustischen Trennung. Eines der größten Probleme großer Tonstudios ist daher der durch den Aufnahmeprozess bedingte hohe Leerstand, verbunden mit einer aufwändigen und teuren Fläche. Die Wirtschaftlichkeit ist daher oft nicht gewährleistet. Dem wollen die Brommy-Studios mit einer optimalen Raumanordnung entgegenwirken.

4.2 Konzept

Das Herzstück des Gebäudes – wie das eines jeden professionellen Tonstudios – ist der Regieraum. Von diesem zentralen Raum ausgehend wurden sämtliche anderen Formen nach dem Prinzip „form follows function“ entwickelt.

Das Gebäude ist zudem Teil eines kreativen Ballungsraumes. Es vereint die umliegenden Nutzungen und bringt sie auf einen Punkt. Das Tonstudio ist für eine flexible, parallele Nutzung bei hoher Auslastung konzipiert.

4.3 Form

Das Gebäude wird auf den ersten zwei Etagen (EG und 1. OG) durch die Unterführung zur Brücke in zwei nahezu gleich große Hälften geteilt. Darüber ordnen sich zwei weitere Vollgeschosse an. Zwei Treppenkerne stoßen aus dem Gebäude heraus und laufen nach oben konisch zu. An ihnen sind die Schrägseile der Fußgängerbrücke befestigt. Das Gebäude bildet somit ein Tor zur Brücke. Wechselnde Etagenhöhen verleihen dem Körper eine gewisse Spannung. Durch das Verspringen der einzelnen Etagen wird die Horizontalität in der Architektur betont. Quer laufende Fassadenelemente fassen große Glasflächen und nehmen den Rhythmus des Gebäudes auf. Es erinnert dadurch an Sedimentschichten, die von einem Fluss über Jahrhunderte ausgespült wurden. Die großen Aufnahmeräume hängen wie schwerelos in dem Baukörper und durchstoßen ihn nach oben. Durch ihre unterschiedliche Höhe wirken sie trotz ihrer Größe beinahe verspielt. Ständig verzahnen sich Elemente miteinander: Brücke und Gebäude, Aufnahmeräume und Etagen, geschlossene Flächen und offene Flächen. Durch dieses Wechselspiel entsteht eine positive Spannung, wenn das Gebäude auch weiterhin Ruhe ausstrahlt.

4.4 Funktion

Verschiedene Nutzungen sind in den Brommy-Studios unter einem Dach vereint. Direkt unter der Studioebene (3.OG) gibt es eine Besucherebene, von der aus man Studiokonzerte erleben kann. Des weiteren bietet eine Austellungsfläche viel Raum für temporäre Ausstellungen rund um das Thema Musik. Fans haben hier auch die Möglichkeit, ihre Stars zu treffen oder ihnen, während diese die Treppe hochgehen, zuzujubeln. Die zwei Großen Aufnahmeräume A1 und A2 sind vom 3. OG sowie vom 2. OG zu erschließen und einzusehen. Direkt darunter befindet sich die Technikebene. Hier ist ein Großteil der Haustechnik zentral angesiedelt und verteilt sich in das gesamte Gebäude.

Das EG und das 1. OG sind in zwei Hälften geteillt. Das 1. OG ist überwiegend für die Bereiche Verwaltung, Büros und Studiotechnik konzipiert. Auf der Besucherseite befindet sich zusätzlich ein großer „Just-Musik-Store“ mit einer Instrumentenwerkstatt.

Die Eingangsebene gliedert sich in den Pro-Musiker-Bereich und den Besucher-Bereich. Ein großzügiges Foyer mit einem fantastischem Koibecken heißt die Stars und Profis willkommmen. Auf der Besucherseite finden die Newcomer eine große Anzahl von finanziell günstigen Proberäumen, die ebenfalls einsehbar sind. Dies ist für sie die erste Station innerhalb des Gebäudes auf ihrem Weg nach oben, in die „Pro-Studios“.

5. Die Brücke

5.1 Form

Die Fußgängerbrücke ist eine Stahlverbund-Hohlkastenbrücke mit zusätzlicher Abhängung über Stahlseile an zwei Pylonen. Sie spannt sich wie eine breite massive Platte über die Spree und weist unterschiedliche Einbuchtungen auf, deren „Treppenstufen“ Sitzmöglichkeiten bilden.

5.2 Funktion

Über ihre Funktion als Bindeglied zwischen zwei Stadtteilen und Musikwelten hinaus bietet sich die Brücke mit den oben erwähnten Mulden als Bühne für Straßenmusiker an und ermöglicht und fördert deren Spontanauftritte. Die Fußgänger können sich hier niederlassen und in Ruhe den Darbietungen folgen.

5.3 Ufer

Die Parkfläche auf der Friedrichshainer Seite greift die Form des Hauptgebäudes auf der Kreuzberger Seite auf und schafft somit eine klare Zugehörigkeit. Kleine „Soundinseln“, der Form nach den Regieräumen des Tonstudios ähnlich, verteilen sich unregelmäßig im Park nahe der Brücke. Auch hier beabsichtigt die Infrastruktur, die Darbietung und den Genuss von Musik zu fördern. Von der Friedrichshainer zur Kreuzberger Seite hin ist deutlich eine Steigerung in Bezug auf Dichte, Masse und Höhe zu erkennen. Die Besucherströme sollen dadurch von der East Side Gallery auf die Brücke und anschließend in die Brommy-Studios gelenkt werden.